Integrationszielvereinbarungen: Neues Konzept des Landkreises Tübingen setzt auf Individualität und Vernetzung

Aktuell leben im Landkreis Tübingen rund 2.800 Menschen, die ihre Heimatländer verlassen mussten und bei uns Zuflucht gesucht haben. Ein Großteil dieser Menschen wird langfristig oder für immer in  Deutschland leben und steht nun vor der Herausforderung, in unserer Gesellschaft eine neue Lebensperspektive zu entwickeln und sich sprachlich, beruflich, wirtschaftlich und sozial zu integrieren.

In der ersten Phase, von der insbesondere das Jahr 2015 und auch noch 2016 geprägt war,  standen für die Landkreisverwaltung die Unterbringung und Grundversorgung der Geflüchteten im Mittelpunkt – eine Aufgabe, die die hauptamtlichen Kräfte gemeinsam mit der großen Unterstützung durch das Ehrenamt und vielen weiteren Beteiligten  bewältigt haben. 
 
Nun beginnt eine zweite Phase, in der die Integrationsarbeit eine ganz zentrale Rolle spielt. Diese Integrationsarbeit fußt auf der Grundidee, sie als einen vom Individuum ausgehenden Prozess zu begreifen. Kern des darauf aufbauenden Konzepts bilden individuelle und realisierbare Integrationsziele, die gemeinsam mit den Geflüchteten definiert werden und die insbesondere an vorhandene Kompetenzen und Vorerfahrungen anknüpfen sollen. Dabei ist eine enge Verzahnung der lokalen Integrationsakteure – Sozialdienst des Landkreises, Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter, Städte und Gemeinden und ggf. individuell hinzuziehende weitere Partner wie z.B. Sprachkursträger, Beratungsstellen, Vereine, Handwerkskammer, Schulen etc. - unabdingbar, um die größtmöglichen Integrationserfolge zu erzielen. Eine wesentliche Bedeutung kommt dabei der Einbindung ehrenamtlicher Begleitpaten zu, die – auf Wunsch der geflüchteten Person – im Rahmen des Verfahrens in alle Schritte involviert werden.
 
 
Geflüchtete als Subjekte mit eigenen Zielen und spezifischen Fähigkeiten wahrnehmen

Eine kontinuierliche  und aktive Zusammenarbeit aller lokalen Integrationsakteure und das Ineinandergreifen von Beratungs- und Leistungsangeboten ist für eine zielgerichtete und wirksame Integrationsförderung von entscheidender Bedeutung. Durch eine möglichst frühzeitige Abstimmung passgenauer Integrationsschritte und die Formulierung von Zielvereinbarungen, welche sich an vorhandenen Angeboten und Rahmenbedingungen orientieren, sollen Integrationsprozesse wirksamer und nachhaltiger gestaltet werden. Grundbedingung ist ein regelmäßiger Informationsaustausch der Akteure und die Sicherstellung des Wissenstransfers. Dies schafft Transparenz, sorgt für effizienten Ressourceneinsatz und minimiert Reibungsverluste. Die Geflüchteten werden in diesem Prozess als Subjekte mit eigenen Zielen, spezifischen Fähigkeiten und Qualifikationen wahrgenommen. Sie erleben, dass ihre Ziele und Ressourcen – und damit sie selbst –
wahr- und ernstgenommen werden.
 
Methodisches Vorgehen - Verfahren

Im Rahmen ihrer alltäglichen Beratung vereinbaren die zuständigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter mit Klienten über 16 Jahren ein Clearinggespräch. An diesem nimmt auf Wunsch des/der Geflüchteten auch eine ehrenamtliche(r) Begleitpate/patin teil. Für diese Begleitung ist die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses vonnöten. Bei Bedarf organisiert der Sozialdienst für das Clearinggespräch (und auch für die folgenden Gespräche) einen Dolmetscherdienst.
 
Vorrangig werden die Gespräche zunächst mit denjenigen geflüchteten Personen vereinbart, für die eine hohe Bleibewahrscheinlichkeit besteht. Aber auch Menschen aus Herkunftsländern mit mittlerer Bleibeperspektive oder im Einzelfall auch Menschen, die Aussicht auf eine Ausbildungsduldung haben, können Angebote zur Integrationszielvereinbarung erhalten, wenn dies aus fachlicher Sicht angezeigt ist. Die Entscheidung hierüber trifft der oder die zuständige Sozialarbeiter/in.
Im Gespräch formuliert die geflüchtete Person ihre individuellen Ziele in Bezug auf verschiedene Lebensbereiche. Bedarfe werden dabei systematisch erfasst. Die formulierten Ziele werden mit der aktuellen Situation und den vorhandenen Möglichkeiten abgeglichen und es werden gemeinsam Handlungsschritte erarbeitet, die zur Erreichung der Ziele förderlich sind. Die ganzheitliche Betrachtung ermöglicht eine Berücksichtigung aller wesentlichen Aspekte und eine Kombination der vorhandenen Angebote unterschiedlicher Akteure.
 
Mit der Benennung zentraler Ansprechpersonen bei allen Kooperationspartnern ist sichergestellt, dass Verfahren ohne vermeidbare Verzögerungen ablaufen und alle Akteure gleichermaßen über den aktuellen Stand informiert sind. Dies dient auch der Vermeidung von Doppelstrukturen.
 
 
Auf Basis des Clearinggesprächs beurteilt der Sozialdienst für Flüchtlinge, ob der Abschluss einer Integrationszielvereinbarung sinnvoll ist. Wird dies bejaht, so unterzeichnen die am Clearinggespräch Teilnehmenden die Vereinbarung, in der Ziele, Handlungsschritte und Zuständigkeiten verbindlich festgehalten sind. Gleichzeitig wird ein erstes Auswertungsgespräch terminiert. In diesem wird gemeinsam überprüft, ob die vereinbarten Handlungsschritte eingehalten werden, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Bei Bedarf erfolgen eine Anpassung und die Vereinbarung eines weiteren Auswertungsgesprächs.
 
Die Integrationszielvereinbarung ist erfüllt, wenn die vereinbarten Ziele erreicht sind oder die geflüchtete Person für das Erreichen der Ziele keiner Unterstützung mehr bedarf.
 
Kooperationsvereinbarungen der Partner schaffen Verbindlichkeit

Für die Arbeit mit Integrationszielvereinbarungen haben der Landkreis Tübingen, die Bundesagentur für Arbeit und das Jobcenter als zentrale Verfahrensakteure im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Dieser Vereinbarung sind zwischenzeitlich viele weitere Partner beigetreten und haben damit ihren Willen bekundet, im Sinne gelingender Integrationserfolge an einem Strang zu ziehen und das Konzept der Integrationszielvereinbarung zu unterstützen.

Die Präsentation zur Abschlussveranstaltung "Integrationszielvereinbarung - eine Maßnahme zur verbesserung der Integrationserfolge" am 21.02.2017 finden Sie hier. (414,3 KiB)

  
 

Landkreis Tübingen

Aktuelle Meldungen

Die Inhalte der Aktuellen Meldungen basieren auf einer Auswahl der offiziellen Pressemitteilungen des Landratsamts. Sie informieren unter anderem über wichtige Beschlüsse des Kreistags und Aktivitäten und Veranstaltungen aus allen Aufgabenbereichen der Landkreisverwaltung sowie deren Kooperationspartnern im öffentlichen und privaten Bereich.